Time to say goodbye

Veränderungen sind – für mich zumindest – immer erstmal bedrohlich. Ich sehe zunächst immer nur den Verlust des vermeintlich „Sicheren“ – und dann erst die Chance des Neuen. Der Sprung ins kalte Wasser liegt mir nicht. Nicht mal, wenn mir das Wasser schon bis zur Stirn steht.

Und doch bin ich – bislang zumindest – noch nie ertrunken. Nicht mal als knapp Dreijährige, als ich wirklich fast ertrunken wäre. Meine Angst ist so gesehen also doch ein bisschen albern.

Seltsamer Einstieg in ein Katzenthema.

Heute vor fünf Jahren dachte ich, es sei ein Wahnsinnswagnis nach Mortara in Italien zu fahren und eine FIV-positive Katze nach Hause zu holen. Niedlich. Offensichtlich bin ich keine sehr mutige Seele. Ganz im Gegensatz zu der Seele, die ich damals mit nach Hause brachte: Mathilde

Regelmässige Leser dieses Blogs werden→Mathildes Geschichte nach all meinen Berichten schon auswendig auf Finnisch oder wahlweise Swaheli aufsagen können während sie rückwärts Seilspringen und gleichzeitig Teller auf der Nase balancieren – darum also nur für Neuleser die Kurzzusammenfassung: Dreibein, FIV-positiv, sehr schlimme Vorgeschichte, dann hier Lungen- und Herz-OP, kurz: intergalaktisches Kampfschiffchen.

Und ich heule rum, weil ich meine Irrenhaus-Hamsterrad-Lebensbedingungen grad mal wieder an die Wand hauen könnte.

Ich bin ein Weichei. Ein feiges noch dazu. Man muss auch mal ehrlich sein.

Mir fällt dabei übrigens doch auch auf: Es wird viel über „artgerechte“ Haltung von Tieren diskutiert derzeit. Das ist sehr gut so! Aber vermisse zugleich ein wenig das Thema „artgerechte“ Menschenhaltung.

Naja. Wie auch immer.

Heute vor einem Jahr holte ich mir ein Wesen nach Hause, das mir so ein gutes Beispiel hätte sein können. Aber irgendwie merke ich dieser Tage, dass ich im Grunde nichts dazugelernt habe: Immer noch Angst vor dem kalten Wasser.

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen ja auch, dass ich bisweilen zum Pathos neige. In diesem Sinne: It’s time to say goodbye – nicht zu euch oder zum Blog. Quatsch – wer meinen Quark weiterhin lesen möchte, soll nicht zu kurz kommen. Aber dies ist für mich eine Zeit des Abschieds – schon die letzten Jahre, in denen ich mehrere Zwerglis in kurzer Zeit gehen lassen musste, auch die letzten Monate von verschiedenen Menschen, die ich oder die mich für Freunde hielten, es aber für Freundschaft nicht wirklich reichte, aus welchen Gründen auch immer. Von Illusionen des Mottos „wird schon werden“, von trügerischen „Sicherheiten“ aller Art – und nicht zuletzt von Mathilde, die ich heute vor fünf Jahren so überglücklich begrüsste wie ich sie heute so todtraurig endlich loslassen muss: Ich muss akzeptieren, dass sie nicht mehr bei uns ist.

Eine Hommage an ein Wesen, das so viel klüger und weiser war, als so mancher Mensch, dem in meinem Leben begegnete – die Trulla, die mir jeden Morgen im Badezimmerspiegel entgegen schaut inklusive:

Mathilde – ich werde das Wochenende heute vor fünf Jahren niemals vergessen. Es war ein Abenteuer, mit meinem uralten Auto unterwegs in einer apokalyptisch vernebelten italienischen Pampalandschaft, in Mortara gibt/gab es übrigens ein absolut hammergeiles Hotel (woahh: Die können lecker kochen! Und die Zimmer sind einfach geil), wir haben Stefania und Cornelia kennengelernt, und nachdem du mich schon in der Tierarzt-Praxis bei Mortara sofort erkannt hattest (was so viele Menschen nach Jahren nie tun), hast du dich auf der Heimreise nach Zürich an mich gekuschelt und versucht, mir mein Sandwich zu klauen!  smiley_emoticons_gucker2

Mathilde – wie gerne hätte ich unser 5-jähriges Jubliäum  smiley_emoticons_torte heute mit dir zusammen gefeiert – leider ist uns das nicht vergönnt. Auch eine Veränderung, die ich natürlich nicht gern akzeptiere – aber habe ich eine Wahl? Ich möchte dir gerne sagen: Du bist für immer in meinem Herzen und noch immer lerne ich von dir. Und ich verspreche dir: Ich lerne endlich schwimmen. Egal, wie kalt das Wasser ist. Dein Motto war: „Ich mag zwar keine Chance haben – aber ich werde sie nutzen“ – wie viel mutiger du warst, mein Herz.

It’s time to say goodbye – zu allem und jedem, was einen vom Leben ablenkt.

Ich liebe dich – für alle Zeiten und immerdar. Und darum sage ich goodbye: auf Wiedersehen, mein Herz ♥♥♥

Con te partirò.

————————————–

ps: Und allen, die an Mathildes Rettung und daran, sie mir anzuvertrauen, beteiligt waren: nochmal von Herzen meinen verbindlichsten Dank! Ihr alle hättet mir keinen grösseren Gefallen tun können.

21 Gedanken zu „Time to say goodbye

  1. Annikki

    Mathide, ein wunderbares, ein großartiges Wesen … ich durfte dich nicht kennenlernen, aber du bist mir iwie sehr nah gekommen
    Liebe Iwon, ja genau so…. Sie lehren uns so viel, wenn wir ihnen denn zuhören

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  2. Britta

    Was für eine Liebeserklärung an ein Wesen, dessen Kampfgeist ich auch immer so bewundert habe. Was hat sie alles durchgemacht, bevor sie zu dir kam, doch sie wusste sofort, dass sie dir vertrauen kann. Ich bin sicher, sie hat jede Sekunde ihres Daseins bei dir in vollen Zügen genossen und bestimmt dachte sie manchmal: Ob ich das alles nur träume? Was ich genauso schön finde, war das immer um Mathilde besorgte Personal eurer Tierklinik. Du wusstest sie dort wirklich in guten Händen, und sie wusste, dass alles für sie Mögliche getan wird. Dennoch bleibt keinem Wesen auf dieser Erde dieser letzte Weg erspart, doch wer vorher das Paradies hatte, kann in Frieden seine letzte Reise antreten. Iwon,lass dich in den Arm nehmen, und ich denke, Thillie wird heute einen ganz fürchterlichen Schluckauf da oben im RBL haben, denn ganz sicher denken ganz viele an sie ❤ .

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Britta ♥ Wie du ja weisst, liebe ich alle meine Katzen abgöttisch – aber das mit Mathilde war irgendwie schon sehr speziell: Von Anfang an war da dieses Band, das nicht mal der Tod durchtrennen kann, auch wenn es sich so anfühlte, als sei ich bei ihrem Tod ein bisschen mitgestorben.

      Thillie mit Schluckauf macht grad Kopfkino bei mir – das tät zu ihrem teils völlig irren Blick passen 😀 ♥

      Ach, die Maus – ich bin so dankbar, dass ich sie hier bei mir haben durfte ♥

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Thillie-Patentante ♥ Danke dir für deine lieben Worte und Wünsche ♥ Weisst du: Im Moment brauche ich wohl weniger die Unterstützung von Freunden (jeder braucht Freunde und um die ewig treuen bin auch sehr dankbar), ich muss vor allem erstmal lernen, mir selber ein Freund zu sein. Und dann kann ich Freundschaften vielleicht auch wieder pflegen. Weischwienimein? ♥

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  3. Vlexigana

    Ja, nicht wahr? Sie sind so viel weiser und gütiger als wir…..und ich weiß ganz bestimmt, dass sie auch versuchen, unsere Zukunft mitzugestalten. Und sie haben gar nicht den Anspruch uns zu verändern….aber falls WIR diesen Willen haben, versuchen sie uns dabei zu helfen. Wer sollte besser dazu in der Lage sein, als die, die uns direkt in die Seele schauen können? Sei es in Tier ….. oder Menschengestalt. Ist doch eh bloss eine Hülle, um die Seele auf die Erde zu bringen.

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Vlexigana, das hast du einmal mehr so wunderbar auf den Punkt gebracht ♥ Es nützt kein Drängeln und Zwängeln – man kann sich nur zum Besseren verändern, indem man erkennt: sich selbst in den Augen eines geliebten Wesens – und es ist völlig wurscht, ob dieses Wesen Mensch, Katze oder Bandwurm ist (haben Bandwürmer Augen? Egal). Solche Wesen kennenlernen zu dürfen, ist eine grosse Gnade. Doch der Weg der Veränderung ist steinig und schwer – trotzdem sollte man ihn antreten, wenn man ihn als richtig erkannt hat. Interessanterweise kann ich Tieren so viel besser „zuhören“ als den meisten Menschen – vielleicht sehen sie einfach süsser aus? *scherz* Ach ja: Wohin einen der Weg des Lebens führt, weiss man wohl erst, wenn man „angekommen“ ist…

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  4. Babs

    Ach, mein Herz 😥 nichts und niemand wird diesen Verlust jemals relativieren können, oder wollen. Thillie war und ist, weil unvergessenen, eines der „most remarkable“ cats die mir je begegnet sind.

    Sie ist in meinem aussenstehenden Herzen schon so felsenfest verankert, dass ich mir kaum vorstellen mag, welchen Krater ihr Tod in deines schlug. ❤ ❤ <31st

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Barbara ♥ „Krater“ ist wohl der treffende Ausdruck – es ist, als fehlte ein Stück von mir. Aber ich habe den Verdacht, dass genau das Thillies Botschaft an mich ist: Es fehlt schon lange ein Stück von mir. Zu viel Hamsterrad, zu viel Rennen, Hetzen, zu viel von allem, zu wenig von mir. Was will ich im Leben eigentlich? Ach, das sind so Fragen – das ist immer so ächz. Aber Thillies Lichtblitz in meinem Leben ist vielleicht eine Chance ♥

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  5. Yola

    Thillie-Mäuschen ❤ ❤ ❤ So ein zauberhaftes Wesen ❤ ❤ ❤

    Liebes, ich hab dich sehr sehr sehr fest lieb! Muss ich hier jetzt mal sagen. Ich glaube du kannst es grad gebrauchen ❤ ❤ ❤

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  6. Brigitte

    Kloß im Hals und Tränen in den Augen – und was soll ich dazu noch viel schreiben? Daher nur eine liebevolle Umarmung und ganz viele Herzchen! ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ Du weiss ja… ❤

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  7. Petra

    Ich kann mich meinen Vorschreiberinnen nur anschließen!
    Wie sehr habe ich das intergalaktische Kampfschiffchen bewundert, wie sie das alles so gemeistert hat!
    Ich kann gut verstehen, wie sehr sie in deinem Herzen verankert ja eingebrannt ist!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Und sie wird auf immer und ewig unvergessen bleiben!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Liebe Iwon, ich möchte dir eine ganz feste liebe Umarmung schicken!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  8. cp

    Liebe Iwon
    Alles was Dir von Mathilde blieb, ist die Halskette?? Naaaaa, Du meinst, alles, was Dir von ihrem irdischen Kleid blieb, ist die Halskette….. Physisch.. ja physisch gesehen ist es kaum noch was, was Dir blieb. Aber auf einer anderen Ebene hast Du mehr Mathilde denn je… 🙂 Mathilde kann jetzt überall mit Dir sein, auch auf der Arbeit, wenn sie Dich nerven und quälen, und hör einfach mal zu in solchen Momenten, vielleicht sagt sie Dir grad, was Du in dem Moment tun sollst..
    Unser aller Mathilde. Wahrscheinlich war sie einfach ein Engel, der mal einige Zeit auf die Erde musste, weil sie gebraucht wurde…

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Cornelia – dir ganz besonderen Dank, warst du doch eine der Wagemutigen, die Mathildes Schicksal in meine Hände legten ♥ Ich kann dir dafür nicht oft genug danken: Danke, dass ihr mir vertraut habt ♥

      Und danke für deine Sichtweise – ein sehr interessanter Turn. Ja, ich dachte oft: Ich würde mir Thillie jetzt gern auf die Schulter setzen und sie einfach mitnehmen 😛 Und ja: Jetzt ist sie immer bei mir – anders, aber in aller Konsequenz. Sozusagen das sprichwörtliche Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter 😉

      Denn ganz ohne Zweifel war sie wie du schreibst ein Engel auf Urlaub – kein sterbliches Wesen hätte aushalten können, was sie alles aushielt. Aber Teufelchen konnte sie schon auch gut 😀

      Ach, sie fehlt mir. Und doch ist sie da ♥

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  9. Helga

    Tillie, süßes Mathildchen, du hast so viele Herzen berührt und in jedem bleibend deinen Pfotenabdruck hinterlassen.
    Soviel musstest du ertragen, bevor du ins beste Zuhause ever einziehen konntest.
    Du hast dem Schicksal die Mittelkralle gezeigt und dein Leben genossen, solange es ging.

    Iwon, du hast dem Mädel das ermöglicht und darum sollte dich dieser Jahrestag nicht nur traurig, sondern auch stolz machen!
    Auch ich sende dir eine virtuelle Umarmung. ♥ ♥ ♥

    Time to say goobye: wir werden uns wiedersehen, ganz sicher…

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    1. kamikatzezwerglis Autor

      Liebe Helga – ja, auch du triffst es auf den Punkt und das Bild gefällt mir sehr: „Du hast dem Schicksal die Mittelkralle gezeigt und dein Leben genossen, solange es ging.“ Ja, da hat die kleine Graumaus auf drei Beinen mit null Fähnen schon was richtig gemacht, hihi ♥

      Sei auch umarmt!

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