Komm gut an, Shakti

Gestern musste ich die letzte meiner „Fabulous Four“ gehen lassen. Dies ist auch mein letzter Beitrag in diesem Blog.

Shakti lebte bis 2009 in Spanien, wo sie als Strassenkatze in einen grossen Käfig mit anderen Katzen gesperrt, und weiterhin als Brutmaschine missbraucht wurde.

Als die damaligen „Halter“ ihre Existenz in Spanien aufgeben mussten, wurde ich von einer glücklicherweise nicht mehr existierenden „Katzenschutzorganisation“ kontaktiert, ob ich nicht notfallmässig eine heimatlose, unberührbare Mutterkatze aufnehmen würde, die morgen früh in Zürich ankommt. Ihre mitreisenden Kitten seien alle adoptiert, aber die Mutter halt nicht.

Ok. Ich fuhr also am nächsten Morgen zum Hauptbahnhof Zürich, um die damals rund dreijährige Mutterkatze zu übernehmen. Was ich erlebte, war nicht nur für Shakti, die damals noch Grisi hiess, traumatisierend: Die Adoptanten ihrer Kitten rissen nach einer rund 12-stündigen Zugreise Shaktis Kitten aus dem Kennel. Ohne Rücksicht, wie ausgelaugt alle waren, ohne Rücksicht auf die völlig überforderte Shakti, die keine Chance hatte, sich von ihren nicht einmal 3 Monate alten Kitten zu verabschieden.

Zurück blieben eine verzweifelt nach ihren Kitten rufende junge Mutterkatze und ich.

Ich fuhr mit einer völlig traumatisierten Katze nach Hause. Es sollte viele Monate dauern, bis Shakti ankam. Sie war meine erste vierte Katze. Damals lebten Omar, Sahib und Lucie bei uns. Meine ersten vier eigenen Katzen, the „Fabulous Four“.

Shakti arrangierte sich schnell mit den anderen drei Katzen hier. Das war das Ziel. Und zugleich kam sie nie richtig an. Ich musste feststellen, dass sie Menschen abgrundtief misstraute. Aus meiner Sicht spätestens am Bahnhof aus guten Gründen.

Aber sie lebte sich ein. Je weiter weg ich als Mensch war, aus ihrer umso besser. Das war ok für mich.

Sie medizinisch versorgen lassen zu wollen, wurde jedoch zum Trauma. Wann immer ich mit ihr zum Tierarzt ging, musste ich in Anbetracht des sichtlichen Blutverlusts an der Transportbox erstmal das Empfangspersonal in der Tierarztklinik wiederbeleben, um ihnen mitteilen zu können, dass es Shakti so weit ok geht, und das mein Blut auf der Box sei – und etwas Jod und Verbandszeug für meine durchgebissenen Pulsadern ein guter Anfang wären, damit ich lange genug lebe, um Shaktis Impfung zu bezahlen.

Ich mache es kurz: Ich hatte in den vergangenen Jahren viel über Shakti geschrieben. Wie sie mir einst sogar das Leben rettete. Auch wie schwierig es war, als sie Moriah zu ihrer Feindin erklärte, obwohl Moriah selbst ein Mobbingopfer war.

Shakti war gut 17 Jahre bei uns, sie wurde 21 Jahre alt. Sie lebte wie ein Schatten an hellichtem Tag bei mir. Ich weiss, dass sie mit den anderen Katzen (ausser Moriah, warum auch immer) stets gut war, nur wenn ich zu Hause war, zog sie sich zurück. Ist in unserer relativ grossen Wohnung auch gut möglich: Sie geht einfach irgendwohin, wo ich nicht bin. Alles easy.

Und so lebten wir zusammen, friedlich aneinander vorbei. Ich schleppte sie nicht mehr zum Tierarzt. Bis vor zwei Jahren, weil ich irgendwann wahrnahm, dass sie wohl doch etwas viel abgenommen hatte. Also derselbe Terz: Ich jage das arme Tier durch die Wohnung, bis ich es schaffe, ein Laken über sie zu werfen, um sie einzutüten. Als ich sie endlich im Kennel versorgt hatte und vor dem Haus auf das Taxi wartete, jaulte sie so herzzerreissend laut um Hilfe, dass die gesamte Nachbarschaft rausgerannt kam, um sie zu retten.

Vor den nächsten vier Kontrollterminen hängte ich grosszügig Zettel in der Nachbarschaft aus, dass Shakti am Freitag wieder Kontrolltermin hat und das nur ein Sirenentest ist. Das Ergebnis für diesen Stress war: B12-Tabletten. Ansonsten alles prima mit Shakti.

Als sie mich vorgestern Mittag während ich im Homeoffice war rief, ging ich zu ihr. Und erkannte, was meine Sorglosigkeit angerichtet hatte. Shakti war ein Desaster auf vier Beinen. Sie konnte kaum noch stehen. In der Notaufnahme wurden Herzrasen, massiv erhöhte Nierenwerte und ein verfaultes Gebiss festgestellt. Zudem liess ihr inexistentes Stehvermögen neurologische Themen vermuten.

Ich war am vollkommen überfordert, ich hätte das doch merken müssen.

Wir gehen seit Mogwais Tod nur noch in diese Klinik. Sie kannten unsere Geschichte. Sie waren ausgesprochen freundlich. Und auch deutlich: Shakti wird das sehr wahrscheinlich nicht überleben.

Ich konnte in dem Moment nicht entscheiden, sie gehen zu lassen. Ich stand unter Schock. Meine so starke, unabhängige Chefkatze hatte mich um Hilfe gerufen – und ich kam zu spät.

Die Ärztin verstand und schlug vor, dass sie Shakti eine Nacht mit Infusionen und Schmerzmitteln zu stabilisieren versuchen. Morgen könnten wir entscheiden, ob weitere Behandlungen sie bei vertretbarer Lebensqualität retten könnten.

Ich war einverstanden. Und wusste am Morgen, bevor die Klinik anrief, dass Shakti nicht mehr zu retten war.

Und so liess ich sie gestern gegen 14 Uhr gehen. Sie hat noch eine Portion rohen Thunfisch dankbar inhaliert, bevor sie auf ihrer Lieblingsdecke für immer ihre wunderschönen Augen schloss.

Sie war definitiv eine sehr beachtliche Persönlichkeit. Und auch wenn wir leider nie beste Freundinnen wurden, habe ich sie von ganzem Herzen geliebt. Und zugleich versagt. Das ist so. Punkt.

Und mit diesem Beitrag schliesse ich diesen Blog. Ich habe keine Ahnung, wie ich es früher geschafft habe, Job, Familie und 7 Katzen gerecht zu werden und nebenher noch einen Blog zu pflegen. Ich weiss nur, ich schaffe das längst nicht mehr. Und ich werde mich jetzt auf jene konzentrieren, die noch hier sind: Aishe, Fee, Finn, LaLuz, Malik und Maruschka.

Jeden, der/die hier noch mitliest grüsse ich herzlich. Schaut gut zu euch und euren Lieben. Alles Liebe euch. Passt gut auf euch auf.

2 Gedanken zu „Komm gut an, Shakti

  1. Avatar von KarinKarin

    Liebe Iwon

    Vielen Dank für Deine spannenden Beiträge über die Jahre. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute. Lg. Karin mit Gioia, Nebo, Mina und Matilda😊

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  2. Avatar von cpcp

    LIebe Iwon, Du hast bei Shakti absolut nicht versagt. Du hast genau das gemacht, was Shakti wollte. Eingreifen erst, als sie Hilfe wollte. Das mag teilweise hart sein, aber es ist aus katzensicht richtig. Und sie ist 21 geworden. Bedenke, dass vor 40 Jahren das Höchstalter einer Katze mit 10 Jahren angegeben wurde. Heute ist das Durchschnittsalter wohl 15, aber Katzen über 20, besonders wenn sie aus schlimmen Verhältnissen kommen, ist hervorragend. Sie hat also viele Jahre so bei Dir gelebt, wie sie wollte. Wenn sie früher schon mehr Kontakt mit „Mensch“ hätte haben wollen, hätte sie es Dir gezeigt. Sie wollte Dich an genau einem Punkt.
    Nicht alle Katzen wollen alleine sterben (ist nämlich nur halbwahr, wenn die Leute sagen, dass Katzen weg gehen, wenn sie sterben, manche ja, manche ganz im Gegenteil…. eine von mir gefütterte Straßenkatze ist mal zu mir gerannt, und in meinen Armen gestorben). Wahrscheinlich wusste sie, es ist zu Ende, und am Ende wollte sie bei Dir sein, weil sie genau wusste, dass Du ihr ein für ihren Geschmack tolles Leben gegeben hast, und das Danke war, bei Dir zu sterben.
    Für Dich war es hart, aber ich bin sicher, aus ihrer Sicht war es „einfach“ das Maximum an Anerkennung, Dank und Liebe, was sie geben konnte und wollte.
    Alles Liebe und Gute und viel Kraft für Dich und Deine Katzen, die alle ganz spezial sind. Wie ihre Dosenöffner-Mamma 😉

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