Heute vor einer Woche ging ich gegen 23.30 Uhr am Esstisch vorbei, um etwas in die Küche zu bringen. Mein Blick fiel auf Felize, die unter dem Esstisch scheinbar tief und fest schlief. Ich wusste im selben Augenblick, dass sie tot war.
Ihre Augen waren geschlossen als würde sie friedlich schlafen. Ich tippte ungläubig an ihre linke Hinterpfote und spürte augenblicklich, dass kein Leben mehr in Felizes Körper war. Die Totenstarre hatte bereits eingesetzt. Keine halbe Stunde zuvor hatte ich ihr noch Leckerli gegeben, die sie freudig verputzte.
Felize hatte in einer Art Parallelwelt gelebt. Sie sass oft vor dem ausgeschalteten Fernseher oder dem schwarzen Kugelgrill und betrachtete ihr eigenes Spiegelbild in der dunklen Glas- bzw. Metalloberfläche, während sie sanft davor hin und her wippte, als würde sie ein fröhliches Liedchen mitsummen, das nur sie hören konnte.
Manchmal sass sie mitten im Raum und bemerkte mich nicht, obwohl ich direkt vor ihr stand. Wenn ich dann den vollen Futternapf vor ihr abstellte, sprang ihr Bewusstsein mit einem kehligen Gurren wie auf Knopfdruck aus der Parallelwelt ins Hier und Jetzt, und gierig inhalierte sie, was auch immer an Futter vor ihr stand. Kaum war der Napf leer, switchte ihr Bewusstsein wieder dorthin, wo es ihm offensichtlich am wohlsten war. Ich werde nie erfahren, wo das war.
Wenn ich mich abends auf dem Sofa setzte, kam sie nach kurzer Zeit in ihrem leicht hölzern steifen Gang dazu, hüpfte neben mich und rammte ihren Kopf mit einer Wucht in meine Seite, dass mir die Rippen schmerzten. Dann rollte sie sich neben mir ein und schnurrte lautstark, wenn ich sie streichelte, – und war doch scheinbar ganz woanders.
Wenn sie schlief, konnten Gewitter stürmen und donnern, der Staubsauger dröhnen oder Feuerwerk krachen. Nichts störte ihren tiefen Schlaf. Ausser natürlich, ich stellte Futter vor ihr ab: Zack, da.
Nie wieder werde ich ihr freudiges Gurren hören, wenn ihr Bewusstsein beim Geruch von Futter wie ein Gummiband von woher auch immer wieder ins Diesseits zurückschnappte.
Vor einigen Wochen hatte sie einen Infekt und wir mussten regelmässig zur Kontrolle zum Tierarzt, was sie ausserordentlich doof fand. Doch während sie bis vor einigen Jahren in ihrer Panik bei jedem Tierarztbesuch im Wortsinne die Wände hochging, liess sie sich nun widerstandslos eintüten und in der Praxis behandeln. Sie schnurrte sogar und flirtete mit dem Tierarzt, in dessen Praxis seit Felizes Ausrastern vor einigen Jahren nichts mehr auf den Fenstersimsen steht, was eine panische Katze runterfegen könnte.
Doch der Infekt war verheilt, ihre Blutwerte waren tiptop. Das Einzige, was letzten Sonntag aussergewöhnlich war, waren die Temperaturen, die tagsüber bei rund 35 Grad lagen und gegen Mitternacht noch über 25 Grad.
Ich weiss nicht, was passiert ist. Ich weiss nur, dass ich mich seit einer Woche frage, ob ich etwas hätte bemerken müssen, was aus meiner Sicht nicht zu bemerken war. Ich habe inzwischen verstanden, dass Felize nun für immer woanders ist. Vielleicht dort, wo sie die meiste Zeit war, während sie hier war.
Wirklich begriffen habe ich es jedoch noch nicht. Von jetzt auf gleich, ohne für mich erkennbare Vorwarnung. Seit drei Tagen mache ich immerhin ihren Napf nicht mehr parat. Aber das Kissen auf ihrem Lieblingsplatz schüttle ich noch auf, als würde sie sich gleich wieder darauflegen. Bislang hat sich auch keine andere Katze auf ihren Platz gelegt.
Vielleicht liegt sie ja doch noch dort, ich kann sie nur nicht sehen.
Felize war schon immer eine Spaziergängerin zwischen den Welten. Und so bin ich sicher: Sie ist nicht fort, nur woanders.
So, wie eigentlich schon immer.
Felize, ich liebe dich. Wo auch immer du jeweils warst und nun bist. An einem Ort wirst du für immer sein: in meinem Herzen.












